Die Welt ist nun vor Ort

Für die Bürger eines demokratisch regierten Staates ist die Meinungsfreiheit ein fester Bestandteil der Verfassung. Sie ist fest verankert in der Charta der Menschenrechte der EU und in den Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN. Im Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN steht: „Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schließt die Freiheit ein, seine Religion oder seine Weltanschauung zu wechseln, sowie die Freiheit seine Religion oder seine Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen“ (www.un.org/).

Betrachten wir unsere Welt durch den Fokus der Medien, sind Menschenrechte ein Privileg Weniger. Zu viele Menschen werden verfolgt beziehungsweise stigmatisiert, weil sie sich zu ihrem Glauben jenseits der Staatsreligion bekennen. Erst kürzlich wies eine Dokumentation im Fernsehen auf die Stigmatisierung orthodoxer Christen in Polen hin. Da diese Andersgläubigen nicht katholisch sind, wird ihnen vorgeworfen, keine „wahren“ Polen zu sein. Sie, deren Angehörige im Zweiten Weltkrieg für Polen starben, sollen nun nicht mehr dazugehören. Alte Gräben werden wieder aufgegraben, Wunden früherer Verfolgungen nun wieder aufgerissen. Diese Gruppe steigt erneut zum Sündenbock einer Nation auf, die unterschiedlichsten Religionen eine Heimat gab. In der Türkei kämpfen Kurden noch immer für ihre Menschenrechte. Die Kopten, eine sehr alte christliche Gemeinschaft, werden in Ägypten als Menschen zweiter Klasse betrachtet und erfahren viele Ungleichbehandlungen. Noch immer müssen Juden in Deutschland sich davor hüten, ihre traditionelle Kopfbedeckung zu tragen, um nicht als Opfer ausgemacht zu werden, wie es kürzlich in Berlin geschah. Selbst in der Schar der in früheren Jahrhunderten für Toleranz gelobten islamischen Religionsgemeinschaften toben die Religionskämpfe untereinander: Sunniten gegen Schiiten. Es bedarf erneuter Anstrengungen, die Menschenrechte zu schützen und die Welt zu einer lebenswerten zu formen.

Die Geschichte lehrt uns, dass es durchaus Hoffnung gibt, dass die Menschheit ihre Probleme bewältigen kann. In den 50er und 60er Jahren häuften sich auch bei uns Kämpfe zwischen Schülern der katholischen und protestantischen Schulen, die außerhalb des Schulhofs nicht nur in Beleidigungen gipfelten. Dies änderte sich erst durch die vermehrte Errichtung städtische Schulen mit Schülern aus allen Konfessionen. Das ist nur ein kleines Beispiel für den Erfolg einer gemeinsamen politisch umgesetzten Gestaltung. Die heutigen Probleme sind wesentlich komplexer, aber auch sie sind lösbar.

Ein lohnendes Ziel jeder Gesellschaft ist es, Menschenrechte einzuhalten, zu verteidigen und zu schützen. Letztlich zahlt es sich aus. Deshalb ist es erstrebenswert, ein Zusammenwachsen der Kulturen zu ermöglichen. Kreuze als religiöse Symbole in allen öffentlichen Gebäuden in Bayern tragen nicht dazu bei, die Toleranz für alle Religionen in unserer Gesellschaft zu fördern. Das Tragen eines Kopftuches als Symbol der Unterdrückung moslemischer Frauen zu sehen, ebenso nicht.

Wir müssen uns klar werden. Es gibt keinen Weg mehr zurück zur Kultur der Einzelstaaten. Wir sind nicht mehr nur Bayern, Schwaben, Saarländer, Hessen, Rheinländer, Westfalen, Niedersachsen, Sachsen, Brandenburger, Thüringer oder Mecklenburger. Der Staatenverbund sorgt für den Austausch der Kulturen, für Kreativität auf allen Gebieten und stärkt unsere Identität als Deutsche. Eine Abschottung vor fremden Gesellschaften und Kulturen hat sich in der Geschichte nicht durchsetzen können. Warum sollte es heutzutage und zukünftig anders sein?

Es ist ein steiniger Weg, den wir begehen müssen, wenn wir die Zukunft unserer Gesellschaft multikulturell gestalten wollen. Viele Menschen haben davor Angst, befürchten ihre gewohnten Traditionen zu verlieren. Aber diese Furcht ist unbegründet. Mit der Zeit entstehen neben den altbekannten neue, die unser Leben bereichern werden. Damit es zum Wohl aller geschieht, gilt es die Menschenrechte zu beachten.

Wir dürfen nicht vergessen, wie es den Flüchtlingen einst nach dem Zweiten Weltkrieg ergangen war. Auch sie wurden einst als Menschen stigmatisiert, als Flüchtlingspack. Heute sind die Flüchtlinge von einst längst ein wertvoller Bestandteil unserer Gesellschaft. Das vergessen wir häufig, wenn wir in den Medien oder auf der Straße über die Flüchtlingsproblematik informiert werden. Es ist an uns zu erkennen, dass viele der neu angekommenen Flüchtlinge einem Kulturschock ausgesetzt sind. Ihr bisher bekanntes Wissen, auch das über Verhaltensweisen zwischen Mann und Frau, müssen sie über Bord werfen, wenn sie in unserer Gesellschaft akzeptiert werden möchten. Es bedarf Zeit bis ihre traditionelle Sichtweise sich mit der Zeit mit der in unserer Gesellschaft vorherrschenden vermischt. Das kann sich als Vorteil erweisen, wie es uns die Geschichte lehrt. Denken wir an die vielen Menschen, die einst aus Polen und Litauen ins Rheinland strömten, um dort als Bergarbeiter ihre Familien zu ernähren. Sie sehen sich heute als Deutsche. Nur ihr Familienname verrät die ursprüngliche Heimat. Dieser Prozess ist abgeschlossen.

Für den neuen benötigen wir Geduld, damit die Durchmischung der Kulturen ein Erfolg wird. Was hindert uns daran, freudig zu beginnen? In unserer heutigen schnelllebigen Zeit fällt es uns schwer, geduldig zu sein. Wir sind es nicht mehr gewöhnt zu warten. Alles muss schnell, am besten schon gestern erfolgt sein. Wir fühlen uns überrollt von den politischen Gegebenheiten, von der Masse an Flüchtlingen, die unser Stadtbild verändern. Wir fürchten, die Verlierer des sozialen Wandels zu werden, der schon längst wieder im Gange ist.

Auch ich habe zuerst gestutzt, als ich dem dunkelhäutigen Schaffner nach seiner im vorzüglichen Deutsch vorgetragenen Bitte mein Straßenbahnticket zeigte. Ich habe mich daran gewöhnt, dass in Großstädten viele Arbeiten nun auch von Menschen anderer Kulturen ausgeführt werden. Es ist mir nicht wichtig, ob die Frau mit Kopftuch am Bankschalter eine Muslima ist oder der ehemalige Syrer an der Kasse des Supermarktes mir mein Wechselgeld überreicht. Die Welt ist nun vor Ort. Ich muss nicht mehr verreisen, um neue Kulturen zu erleben. Aber im Unterschied zum Abenteuer Reisen, kann ich darauf bauen, dass meine Menschenrechte in Deutschland beachtet werden. Am Urlaubsort ist diese Sicherheit nicht immer gegeben.

KBVR 2018

Noch gehören meine Gedanken mir!

Kara öffnet die Schreibtischschublade. Sie klemmte. Schon lange war sie nicht herausgezogen worden. Aber mit einigem Rütteln, gab sie endlich ihren Inhalt preis. Ein Bündel handschriftlich beschriebener weißer DIN A4 Blätter mit Ideen, Notizen und Plots für Artikel sowie Buchvorlagen kamen zum Vorschein. Einige zierte ein roter, blauer oder gelber Punkt in der Kopfleiste, andere waren noch keiner Farbe zugeordnet. Kara nahm eines der noch nicht markierten Blätter heraus. Es dauerte etwas bis es ihr gelang, ihre eigene Schrift zu entziffern. Schönschrift war noch nie ihre Stärke gewesen. Ihr Schriftzug hatte sich im Laufe der Jahre immer mehr von der leichten Lesbarkeit entfernt und war bestückt mit Kürzeln, die sie einst der Stenographie entnommen hatte. Aber schon längst hatte sie die Bedeutung der Abkürzungen vergessen. So musste sie ihre Notizen aus dem Zusammenhang erschließen. Das kostete Zeit und Mühe. Deshalb wollte sie diese Notizblätter dem Computer übertragen, damit das Rätselraten ein Ende hätte. Aber diesen Plan hatte sie nie verwirklicht. Diese eigene Faulheit, diese Zeit sich nicht genommen zu haben, ärgerte sie. Schon wieder musste sie ihre Zeit mit dieser lästigen Entzifferung ihrer Schrift verbringen.

Die Überschrift in fetten Buchstaben stach ihr direkt in die Augen: Gedankenkontrolle. Kara erinnerte sich. Sie hatte dieses Thema in einer Dokumentation des Fernsehsenders N24 gefunden. Der Beitrag unter dem Titel „Futurescape – Erfindungen für die Zukunft. Maschinen zum Gedankenlesen“ (31.01.2018) hatte sie aufgerüttelt. Kannte denn die menschliche Neugier keinerlei Grenzen. Noch sind meine Gedanken frei und gehören mir! Aber wie lange wird dieser philosphischer Grundsatz noch gelten?

Gedankenfreiheit im Sinne von Meinungsfreiheit war in früheren Epochen ein Privileg der herrschenden Klasse. Die Freiheit, seine Gedanken laut und öffentlich auszusprechen ist auch heute nur in den demokratischen Staaten gegeben. In Diktaturen ist eine kritische freie Meinungsäußerung gefährlich und kann zur Inhaftierung führen, wie wir es kürzlich im Fall des Journalisten Deniz Yücel gesehen haben. Als Immanuel Kant in seiner Schrift „Was ist Aufklärung?“ sich mit diesem Thema auseinandersetzte, dachte er noch, dass diese nicht mehr erkämpft werden müsse, sondern von der Herrschenden Klasse längst gewährleistet werde. Er erlebte nicht mehr, dass die Nachfolger des Fürsten Friedrich II., des preußischen Königs, diese Meinungsfreiheit beschnitten (siehe Wikipedia). Das kostbare Recht der freien Meinungsäußerung ist jederzeit in Gefahr auf dem Altar des Machterhalts geopfert zu werden.

Für die Bürger eines demokratisch regierten Staates ist es selbstverständlich, dass die Meinungsfreiheit ein fester Bestandteil unserer Verfassung ist. Darauf sind wir zu Recht stolz. Sie ist auch ein fester Bestandteil vieler Verfassungen anderer demokratischer Staaten und der Charta der Menschenrechte der EU. Im Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN steht: „Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schließt die Freiheit ein, seine Religion oder seine Weltanschauung zu wechseln, sowie die Freiheit seine Religion oder seine Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen (www.un.org/).

Aber was ist unter Gedankenkontrolle zu verstehen?

Im Volkslied von Hoffmann von Fallersleben, finden wir ein idealisiertes Sinnbild einer Vorstellung von Gedankenfreiheit, das sich in die Köpfe vieler Menschen gefräst hat. Gedanken gehören allein dem Individuum, sind frei und schwer zu ergründen. Das sollen sie auch bleiben. Jeder einzelne entscheidet selbst, ob überhaupt und wem wir an unseren Gedanken teilhaben lassen wollen. Bis heute ist das so.

Das wird sich in der Zukunft ändern. Schon jetzt werden Geräte entworfen, die hinter dem Ohr getragen, die Gedanken einem Empfänger mit einem entsprechenden Gerät offenbaren. Diese Geräte analysieren die Gehirnwellen und übersetzen Sie, so dass der Empfänger die Gedanken des Gegenübers lesen kann (N24 Doku so. vom 31.01.2018). Noch ist es meine Entscheidung, ob überhaupt oder wer meine Gedanken auslesen darf. Aber wie lange noch?

Kara ertappte sich bei dem Gedanken, dass sie sogar etwas Positives dieser Technik abgewinnen konnte. Menschen, die ihr Gedächtnis verloren haben, könnten ihre Erinnerungen wiedererhalten. Die Erlebnisse von Traumata könnten getilgt werden. Menschen mit Behinderungen wäre eine Teilhabe am sozialen Leben gesichert. Bei der Aufklärung von Verbrechen, wäre die Polizei in der Lage durch das Anzapfen der Tätererinnerungen den Tathergang offen zu legen.

Wer würde nicht gerne Gegenstände mit der Kraft des Geistes bewegen, wie dies im BR- in der Sendereihe Homo Digitalis unter dem Titel „Ein Upgrade für Dein Gehirn „ (01.02.18) vorgestellt wird. Ein Chip im Gehirn implementiert, um die menschlichen Gehirnfunktionen zu verbessern, ist eine Idee, die mit vorschreitendem Alter sich so mancher Rentner vorstellen kann. Aber wie groß ist die Gefahr, dass die nützliche Anwendung der Gehirnkontrolle missbraucht werden kann?

Seit der Fernsehserie Voyager wissen wir, was passieren kann, wenn Erinnerungen manipuliert werden können. In dieser Serie wurde die Figur Tom Peries wegen einer solchen Manipulation zum Tode verurteilt, obwohl er, wie es sich später herausstellte, unschuldig war. Könnt in der Zukunft der Gedankenlesegeräte so etwas auch in unserer Gesellschaft eintreten?

Wir wissen es aus der Geschichte. Macht schreit immer nach Kontrolle. Wie leicht kann es passieren, dass staatlicher Zwang ausgeübt wird und jeder, der sich der Gedankenkontrolle widersetzt, als Außenseiter gebrandmarkt wird. Schon jetzt ist es uns kaum möglich, nicht in den Sog der technischen Revolution zu geraten. Ständig werden wir aufgefordert, uns der galoppierendenden Flut der technischen Erneuerungen anzupassen. Schon längst ist alles um uns herum digitalisiert. Computer steuern Wasser, Strom, Verkehr und auch unser Fernsehen und Radio. Ein Leben ohne Digitalisierung wäre nur als Einsiedler im tiefen Wald oder auf der Alm denkbar.

Ein Individuum hätte es schwer, sich dem sozialen Zwang der Gedankenkontrolle zu verweigern. Wer seine Gedanken nicht für andere öffnet, wird in den Verdacht geraten, etwas verheimlichen zu wollen. Aber wollen wir überhaupt die Gedanken unserer Mitmenschen lesen können? Wo bleibt das Geheimnisvolle, dem ein besonderer Reiz innewohnt?

Sind wir nicht mehr als die Summe unserer Neuronen?

Können tatsächlich all unsere Gedanken entschlüsselt werden? Bedarf es dazu nicht einer kompletten Analyse unseres Lebensweges, um falsche Interpretationen zu verhindern? Es sind unsere Bedürfnisse, unsere Absichten, unsere Wünsche und Ziele, also alle unsere Erfahrungen im sozialen kulturellen Kontext, die unser willentliches und bewusstes Denken formen. Zwar sind wir sozial geprägt und abhängig, aber trotzdem finden viele ihre private Nische jenseits vom kollektiven Zwang. Eine gründliche Analyse der Gedanken müßte all diese Facetten berücksichtigen. Das ist keine Arbeit aus dem Handgelenk heraus, sondern benötigt viel Zeit. Noch ist es nicht soweit!

Dieser Gedanke ist tröstlich. Zwar werden die Supercomputer, die dafür benötigt werden, bereits in den USA errichtet und die Hirnwellen bereits in Hinblick der Möglichkeit, Gedanken aufzuzeigen und zu übersetzen, untersucht, aber diese Forschung ist erst am Anfang. Es wird noch Jahrzehnte vergehen, bis diese Art der Kontrolle möglich ist. Aber der Anfang ist gemacht. Millionen ist diese Forschung den Amerikanern wert. Das Militär sieht darin einen Nutzen.

Noch gehören meine Gedanken mir. Orwells 1984 müsste nun ein Remake erhalten. Dieser Gedanke kam Kara in den Sinn. Ein 2084 vielleicht, indem der Missbrauch dieser Technologie eine ganze Gesellschaft versklavt, das Individuum zum Feind erklärt wird und jeder sich dem Wohl des gesellschaftlichen Ziels unterzuordnen hat. Ein furchtbares Szenario, dass ich nicht erleben will, dachte Kara und klebte einen blauen Punkt aufs Blatt, ein Zeichen für eine spätere Berücksichtigung. Sie legte das Blatt zurück in die Schublade und schob sie zu.

KBV Radziwill